Zeit zum Nachdenken


                                                    

Während dieser Zeit der Pandemie erlebe ich, wie viele Menschen verunsichert sind. Wir erleben  eine Art kollektiven Kontrollverlustes, wie es ihn seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr gegeben hat. Verunsicherung und immer neue Schreckensmeldungen erzeugen Angst. Angst ist in einer Gefahrensituation durchaus hilfreich und auch normal, z.B. wenn man auf einer hohen Klippe steht. Das Problem ist, in welchem Ausmaß wir mit angstmachenden Informationen konfrontiert werden bzw. wie vielen solchen Impulsen wir uns aussetzen. Fast nach jeder Tagesschau kann man eine Sondersendung zur Pandemie verfolgen. Gefestigte Menschen können mit einem gewissen Maß an Angst umgehen. aber wenn unser Angstlevel permanent hoch gehalten wird, dann geraten wir emotional aus dem Gleichgewicht. Unser Körper steht unter Dauerstress und wir können nicht mehr richtig schlafen, werden depressiv oder aggressiv. "Angst macht dumm", hat mal jemand gesagt. Wenn ich vor einer giftigen Schlange stehe und in Panik die wertvolle Vase meiner Großmutter nach ihr werfe, ist das keine sehr kluge Reaktion. Unter normalen Umständen hätte ich die Vase niemals geworfen. So erlebe ich Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen, höre von Menschen, die selbst in ihrer eigenen Wohnung eine Maske tragen und von vielen, die mit psychischen Folgen zu kämpfen haben. Das Wort Angst kommt im Deutschen von Enge, d.h. wir engen unseren Horizont ein und sind nur noch mit dem einen Problem beschäftigt. Paulus, der selbst etliche Male mit dem Tod bedroht war, schreibt an seinen geistlichen Sohn Timotheus:
"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft, der Liebe und Besonnenheit."
Ja, wir sind in einer dramatischen Situation, die Pandemie ist das bestimmte Thema und Menschenleben müssen geschützt werden. Aber gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir uns einen Rest des normalen Lebens bewahren. Gottes Geist kann uns dabei helfen, indem er uns Kraft gibt, mit den Herausforderungen umzugehen, indem er uns Liebe für unsere Mitmenschen aber auch für uns selbst schenkt und indem wir uns mit Besonnenheit ausrüsten lassen. Wir müssen darauf achten, dass wir weiter unser Leben leben: arbeiten, lieben, beten, singen, lachen, essen und trinken und uns auf die Ewigkeit vorbereiten. Denn eins ist auch klar, sterben werden wir alle einmal - die wenigsten von uns an der Pandemie.

Pfarrer Christian Colditz